Leseprobe Schokoladenbraun - Honiggold - Purpurrot

 

 

Kapitel 1 (China)

 

China – ausgerechnet. Wahrscheinlich hätte ich mich hier heimisch fühlen sollen - tat ich aber nicht. Und mein chinesisch war auch ziemlich eingerostet. Meinen Dialekt sprach hier heute kaum noch jemand, aber zumindest konnte ich die Einheimischen einigermaßen verstehen. Ich seufzte. Ich konnte China wirklich nicht leiden. Genervt drängte ich mich durch das Menschengewimmel und fragte mich, wie man hier leben konnte. In meinen Augen war Peking der Vorhof zur Hölle. Seit ich weggegangen war, war ich nur noch selten nach China zurückgekehrt. Marek hatte mich das ein oder andere Mal hierher gezwungen, weil er fand, dass man seine Wurzeln kennen und respektieren sollte. Er hatte manchmal echt sonderbare Anwandlungen. Das letzte Mal war noch gar nicht so lange her, vielleicht ein oder zwei Jahrzehnte. Ich schüttelte den Kopf. Marek. Ich machte mir wirklich große Sorgen um ihn. Er war total ausgeklinkt, als er gehört hatte, dass die anderen Vampire Adam zum Oberhaupt machen wollten. Nicht dass Marek üblicherweise sehr ruhig und beherrscht war, aber so hatte selbst ich ihn noch nie gesehen. Er hatte fast die komplette Einrichtung zerlegt, und sich aufgeführt wie ein Geisteskranker. Es war sogar Jiri schwer gefallen, ihn zu beruhigen. Der Gedanke an Jiri machte mich traurig. Aber wie hatte er Marek auch bei seinem hirnrissigen Plan unterstützen können? Jiri war Mareks Zwillingsbruder gewesen, aber er hatte, im Gegensatz zu seinem Bruder, ein sehr ausgeglichenes Wesen gehabt. Er war ruhiger gewesen, unbekümmerter, sanfter, aber auch weniger intelligent. Ich war mir nicht sicher, ob es die mangelnde Intelligenz oder Loyalität gewesen war, die ihn dazu gebracht hatte, mit Marek nach England zu reisen. Er hatte diese Torheit jedenfalls mit seinem ewigen Leben bezahlt und auch Marek würde einen hohen Preis bezahlen. Der Tod seines Zwillings war nur der Anfang, da war ich sicher. Ich war Adam nur zweimal in meinem Leben begegnet, aber er war eine Legende unter den Vampiren und ich möchte nicht wissen, wie viele Vampire für weniger als das, was Marek getan hatte, ihr ewiges Leben gelassen hatten. Adam war einer der ältesten noch existierenden Vampire. Ich wusste nicht genau wie alt er war, aber das Jahrtausend hatte er wohl schon überschritten. Er war ein Einzelgänger und hatte für unsere Art nicht viel übrig. Er hielt uns für Monster. Nicht dass einige von uns sich nicht zu Monstern entwickelten, aber ich fragte mich, wieso er die Menschen für so viel besser hielt? Ich hatte Menschen kennen gelernt, die viele von uns locker in den Schatten stellten. Adam jedenfalls war so kalt, dass selbst mir das Blut in den Adern gefror und dazu gehörte schon einiges. Ich erinnerte mich noch ziemlich genau, wie ich ihm das erste Mal begegnet war. Ich war damals erst ein paar Jahre ein Vampir gewesen und hatte mit Marek und den anderen in Prag gelebt. Die anderen, das waren Angel, Firebird, Summer und Nightfire gewesen. Wir hatten damals alle zu Mareks kleiner Familie gehört. Die einen nannten es Familie, die anderen nannten es Harem, aber wie man es auch nannte, wir gehörten in jener Zeit zusammen. Marek hatte jede von uns aus einem Leben befreit, das schlimmer war als der Tod und uns dann zu Vampiren gemacht. Wir waren ihm alle dankbar und deshalb konnte er sich unserer Loyalität und Ergebenheit absolut sicher sein – auch heute noch, zumindest der Loyalität derer, die noch am Leben waren. Ich hatte gehört, dass Firebird vor einigen Jahren aus Eifersucht den Kopf verloren hatte. Eifersucht war schon immer ihr Problem gewesen, deshalb waren wir auch nie Freundinnen geworden. Die Nachricht von ihrem Ableben hatte mich dann auch wenig erschüttert. Mir hatte nur Marek leid getan, denn ihm tat es immer weh, wenn eines seiner Geschöpfe den Tod fand. Da war er wirklich sentimental. Prag hatte ich vom ersten Tag an geliebt. Das milde Klima, die Moldau und die wunderschöne Innenstadt hatten mich vom ersten Tag an in ihren Bann gezogen. Die Prager Altstadt mit ihren Häusern, Gassen und zahlreichen Kirchen im romantischen und gotischen Stil, die Hradschin-Stadt mit ihren Gebäuden und Palais aus Renaissance und Barock – faszinierend! Überhaupt gefiel mir Mareks Heimat sehr. Ich mochte die Gebirge und Wälder, genauso wie die Mentalität der Menschen dort. Die Tschechei war über die Jahre auch zu meiner Heimat geworden. Deshalb verstand ich umso weniger, dass Marek mir immer wieder diese unerfreulichen Besuche in China aufzwang. War Heimat nicht ein Ort, an dem man sich zuhause fühlte? Egal. Während ich damals in Prag jedenfalls alles spannend gefunden hatte, hatte Marek sich schon kurze Zeit nach unserer Ankunft gelangweilt. Das war typisch für ihn. Marek hielt es nie sonderlich lange an einem Ort. Es war, als würde er innerlich getrieben. Er entschloss sich jedenfalls nach Frankreich zu gehen. Ludwig der XIV. schien ihm eine interessante Persönlichkeit zu sein und er wollte ihn kennen lernen. Ich hatte keine Ahnung gehabt, wer Ludwig, der XIV. war oder was es in Frankreich zu sehen gab, aber ich wollte mit. Marek war meine einzige Bezugsperson gewesen. Ich mochte ihn, ich vertraute ihm. Also hatte ich ihn angefleht, mich mit zu nehmen. Er hatte sich überzeugen lassen und wir hatten uns auf den Weg gemacht. Marek hatte mir nur selten einen Wunsch abgeschlagen und auch das hatte sich bis heute nicht groß geändert. Mir war klar, dass ich wahrscheinlich die einzige Person war, die das dachte, aber ich war tief in meinem Innern davon überzeugt, dass Marek eigentlich einen weichen Kern hatte. Zu mir war er immer lieb gewesen und großzügig. Marek war egoistisch, rechthaberisch, skrupellos und ganz sicher kein Engel, aber er hatte auch eine sehr sanfte, liebevolle und weiche Seite. Dort in Frankreich, im Schloss von Versailles war ich dann jedenfalls Adam zum ersten Mal begegnet. Er hatte zur Rechten des Königs gestanden, als wir diesem vorgestellt wurden und ich hatte kaum meinen Blick abwenden können – von Adam, nicht vom König. Ja, ich hatte die einmalige Chance gehabt, den Sonnenkönig kennen zu lernen, auch wenn er nur ein Mensch war, und hatte ihn kaum wahrgenommen, weil meine ganze Aufmerksamkeit von Adam gefangen genommen wurde. Ich war zu jenem Zeitpunkt schon einigen Vampiren begegnet, aber sogar für einen von uns, war er außergewöhnlich. Und dann hatten sich unsere Blicke getroffen und mir war ein Schauer über den Rücken gelaufen. Adam hatte die faszinierendsten Augen, die ich je gesehen hatte, aber ein Blick in diese Schlittenhundaugen und eine Eiswüste schien einem ein heimeliger Ort zu sein. Als ich ihn dann später in der Nacht noch näher kennen lernte, wusste ich, dass der Schein nicht getrogen hatte. Ich hatte keine Angst vor Mareks Unberechenbarkeit oder seinen Ausbrüchen. Das war Gefühl, das war Hitze, das war etwas Greifbares. Adam fehlten jegliche Gefühlsregungen. Weder sein Gesichtsausdruck, noch seine Körperhaltung, ließen darauf schließen, was er dachte oder fühlte – ob er überhaupt irgendetwas fühlte. Seine Stimme war samtig, ruhig und freundlich. Nichts an ihm, außer der Kälte in seinen Augen, ließ darauf schließen, dass von ihm eine Gefahr ausging. Aber auch wenn ich jung war, und ihn zum ersten Mal sah, wusste ich, dass er die gefährlichste Kreatur war, die mir je über den Weg gelaufen war. Ich fühlte mich von ihm angezogen und abgestoßen zugleich. Er war eine der wenigen Personen, die mir Angst machte. Was mich damals außerdem verunsicherte, war die Tatsache, dass Marek Adam offensichtlich nicht leiden konnte, und dass diese Abneigung sich auf Gegenseitigkeit beruhte. Außerdem war er, auch damals schon, ein arrogantes Arschloch! Ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, dass er sich verliebt hatte. Musste man dafür nicht ein Herz haben? Ich musste schon gestehen, dass ich ein bisschen neugierig war, auf die Frau, die dieses Wunder vollbracht hatte. Ein einfacher Mensch. Und wenn man Mareks Ausführungen glauben durfte, dann war sie ziemlich unscheinbar. Na gut, schön war Adam selber. Er brauchte wahrhaftig keinen Schmuck, um sich aufzuwerten. Viele Männer, ob Vampir oder Mensch, suchten sich Frauen, die sie schmückten. Aus keinem anderen Grund hatte Marek mich vor mehreren Jahrhunderten zu einem Vampir gemacht. Obwohl ich eigentlich auch nicht fand, dass er das nötig hatte. Marek war sehr attraktiv. Er war mit seinen 1,78 m nicht gerade groß, hatte aber eine sehr ansprechende Figur. Breite Schultern, schmale Hüften - ganz so wie es sich gehört. Er hatte dunkelbraunes volles Haar, das ihm etwas über die Ohren reichte und ein ansprechendes Gesicht mit einer relativ auffälligen Nase, die ihm etwas Interessantes verlieh. Sein Teint war auch schön. Ich hatte nie mit ihm über seine Wurzeln gesprochen, aber es musste jemanden Dunkleres in seiner Familie gegeben haben. Wenn er auch nicht über Adams außergewöhnliche Schönheit verfügte, so war er sicher kein Mann, den eine Frau im Normalfall übersehen hätte. Außerdem konnte er sehr charmant sein, wenn er wollte. Er konnte auch die Pest sein, wenn er wollte, aber das war ein anderes Thema. Besonders ansprechend waren aber auch an ihm seine Augen, sie waren bernsteinfarben und in ihnen schien immer ein Feuer zu brennen. Dieses Feuer hatte mich, seit ich ihn getroffen hatte, schon oft gewärmt. Vielleicht war mir Marek deshalb so wichtig? Nachdem er von den Plänen Adam zum Oberhaupt der Vampire zu machen gehört hatte, war er, wie gesagt, ausgeflippt. Er hatte mir Vorträge darüber gehalten, wie Adam uns alle dazu zwingen würde unser wahres Ich zu verleumden, wie er uns zu lächerlichen Karikaturen unserer Selbst machen würde. Jadajadajada… Ich sah das nicht ganz so, aber jedes Wort wäre sinnlos gewesen. Hatte ich erwähnt, dass Marek ein echtes Problem mit Adam hatte? Sie hassten sich - wenn ich auch nicht wusste wieso. Wenige Stunden später jedenfalls hatten Marek und Jiri sich schon mit seinem selten dämlichen Plan auf den Weg nach England gemacht. Ich wunderte mich immer noch, dass er mich nicht gebeten hatte mitzukommen, aber vermutlich war ihm klar gewesen, dass ich bei so einem Irrsinn sowieso nicht mitgemacht hätte. Ja, er war mein Schöpfer und mein Freund, aber das bedeutete nicht, dass ich alles großartig fand, was er sich ausdachte oder bei allem mitmachte, was er sich überlegte. Ich wusste immer noch nicht so ganz genau was in England passiert war, nur dass sein Plan gründlich schief gegangen war. Der Plan war es gewesen, Adams Freundin und einen seiner Freunde umzubringen, damit Adam sich gegen unsere Art richtet und nicht Oberhaupt der Vampire wird. Was für eine hirnrissige Idee! Das Ende vom Lied war, dass Adams Freunde lebten, während Jiri tot war und Marek auf Adams Abschussliste stand. Nicht nur das, Adam hatte sich bereit erklärt, das Oberhaupt der Vampire zu werden, wenn man ihm Marek bringt. Die meisten Vampire wollten ein Oberhaupt und sie wollten Adam. Vampire waren selten einer Meinung, aber in diesem Punkt schienen sich fast alle einig zu sein. Die einflussreichsten, ältesten und wichtigsten Vampire weltweit hatten Adam die Regentschaft angetragen und jeder von ihnen würde in seinem Umfeld dafür sorgen, dass man Marek fand. Es war also wirklich nur eine Frage der Zeit, wann ihn jemand entdeckte und seinen Aufenthaltsort weitergab. Und wenn Adam ihn erst einmal in den Fingern hatte, dann konnte ihm auch keiner mehr helfen. Er wollte ihn zwar lebend, aber ich ging fest davon aus, dass er ihn nicht verschonen, sondern nur selber vernichten wollte. Ich seufzte schwer. Ich wollte Marek nicht verlieren. Ich gab ja zu, dass er sich in den letzten Jahrzehnten etwas verändert hatte. Er war skrupelloser und unberechenbarer geworden, aber ich wollte ihn trotzdem nicht verlieren. Er hatte mich vor Jahrhunderten zum Vampir gemacht und ich war ihm dafür auch heute noch dankbar...

 


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